Mittwoch, 7. Dezember 2011

Welche Zukunft für Korsika ? Heute: Interview mit Jean Biancucci

Jean Biancucci gehört der politischen Familie der Nationalisten an und ist Mitglied der, in der korsischen Versammlung vertretenen, Partei "FEMU A CORSICA", die bei den letzten Wahlen ein großen Erfolg verzeichnen konnte und heute auf 11 von 51 Sitzen in der "Assemblée Corse" kommt. Auf der nationalistischen Seite kommen hier noch 4 Sitze von "CORSICA LIBERA" hinzu.
Neben zahlreichen anderen Ämtern ist Jean Biancucci unter Anderem

  • Mitglied der "Assemblée Corse"
  • Mitglied des Verwaltungsrats des korsischen Fremndenverkehrsamts ATC
  • Mitglied des Aufsichtsrats der korsischen Fluggesellschaft AIR CORSICA (ehemals CCM)
  • Vize-Präsident der CAPA (Städteverbund des Großraums Ajaccio)




Ich habe Jean Biancucci eine, nur auf den ersten Blick, einfache Frage gestellt:

Welche Zukunft sehen Sie für Korsika?
"Das ist eine sehr schwierige Frage, die man nicht mit wenigen Sätzen beantworten kann! Wir dürfen nicht vergessen das sich die Welt im Moment stark verändert. Denken wir z.B. an China und Indien. Zwei immer bedeutender werdende Länder, die die wirtschaftliche Weltordnung verändern. Wir müssen, wenn wir über die Zukunft Korsikas nachdenken, natürlich berücksichtigen was um uns herum geschieht und überlegen wie und in welche Richtung Korsika sich entwickeln kann.
Korsika ist traditionel eine pastorale Gesellschaft und der Ausbau und die Weiterentwicklung der Agrikultur scheint mir wichtig. Leider wird es für junge Menschen die in der Landwirschaft tätig werden möchten, oder es schon sind und ihren Betrieb ausbauen möchten, immer schwieriger entsprechendes Land zu angemessenen Preisen zu finden.
Natürlich spielt Tourismus eine wichtige Rolle und auch der ist noch ausbaufähig, aber wir dürfen nicht alles dem Tourismus opfern und nur auf diese Karte setzen. Die noch intakte Natur darf nicht durch Immobilienspekulanten geopfert warden."

Sehen Sie die Zukunft Korsikas eher mit oder ohne Frankreich?
"Korsika hat seinen Platz in Europa und kann insbesondere im Mittelmeerraum eine wichtige Rolle spielen. Zwar haben wir schon gute Verbindungen mit z.B. Ligurien, der Toskana und Sardinien, jedoch sehe ich hier noch Möglichkeiten den Austausch auf wirtschaftlicher und kultureller Ebene auszubauen."

"Wenn ich als Bürgermeister von Cuttoli eine Hochzeit durchführe, dann ziehe ich die französische Bürgermeister-Schärpe nicht an, sondern lege sie auf den Pult vor mir"
"Korsika hat seine eigene Identität und seinen eigenen Namen, Corsica. Ich setze mich dafür ein dass dieser Name in Zukunft verwendet wird, denn er ist Teil unserer Identität".
(ndr. Das korsische Fremdenverkehrsamt ist dazu übergegangen in französischsprachigen Prospekten nicht mehr von Corse, sondern von Corsica zu reden und die korsische Fluggesellschaft CCM, Compagnie Corse Mediterranée, wurde umgetauft in AIR CORSICA)

Die Partei "FEMU A CORSICA" hat bei den letzten Wahlen einen großen Erfolg verzeichnen können. Liegt dies auch daran dass sie sich klar gegen die Anwendung von Gewalt für die Durchsetzung von politischen Zielen ausgesprochen hat?
"Niemand kann die Anwendung von Gewalt wünschen. Wenn man jedoch genau analysiert unter welchen Umständen Korsika nach 14 Jahren Unabhängikeit (1755 – 1769) französisch wurde und wieder französische Staat Korsika behandelt hat, dann kann man auch verstehen warum Gewalt als politisches Mittel in Betracht gezogen werden konnte."

Soweit das Interview mit Jean Biancucci. In einem meiner nächsten Artikel werde ich näher darauf eingehen wie und wann Korsika französisch wurde. Eine sehr interessante Geschichte.

Soviel für heute,
herzlichst
Edmund Schroth